Wie spiele ich besser Golf? Diese Frage beschäftigt in der einen oder anderen Form jeden, der zu mir in den Unterricht kommt. Ich möchte den vorliegenden Beitrag in dieser Festschrift nutzen, um einschlägige Erwartungen an Golfunterricht zu diskutieren. Was kann der Unterricht bewirken, wie ist er strukturiert, wie verändert er sich mit der Entwicklung meiner Spielkompetenz? Fragen, die im Unterricht meist nicht ausdrücklich Erwähnung finden, über die jedoch Einvernehmen zwischen Schüler und Lehrer bestehen sollte, um Missverständnissen und Enttäuschungen durch falsche Erwartungen vorzubeugen.
Leistung im Golf ist eine komplexe Größe und von zahlreichen Einflussfaktoren abhängig. Auf der Ebene des Breitensports ist im Bereich des langen Spiels die erste Voraussetzung für das als „gut empfundene“ Spiel auf dem Platz sicherlich die Fähigkeit, den Ball wiederholbar zu treffen. Im kurzen Spiel kommt der Verfügbarkeit von der Situation angemessenen Schlagvarianten und der Fähigkeit zur Antizipation der Ballbewegung im Gelände eine hervorgehobene Bedeutung zu. Wiederholbare Transportschläge, Schlagvarianten und Antizipation der Ballbewegung setzen ein grundlegendes Verständnis darüber voraus, wie der Schläger am Ball wirkt, das heißt, wie sich die Treffmomentfaktoren auf den Ballflug auswirken.
Für den Spieler sind dabei nicht alle Treffmomentfaktoren gleich bedeutsam, wohl aber die Kenntnisse über diejenigen, die den Ballflug des Spielers derzeit am nachteiligsten beeinflussen. Am Anfang einer Golferkarriere sind dies zumeist die Stellung der Schlagfläche (zum Beinspiel bei Slice) und der Eintreffwinkel des Schlägers (zum Beispiel schlechte Ballkontakte vom Boden). Ob sich der Schläger eher auf einer flachen Bahn an den Ball heran bewegt oder von oben in den Ball schlägt, ob der Eintreffwinkel also flach oder steil ist hängt dabei mithin auch von anderen Faktoren ab überwiegend jedoch von der Schwungrichtung und dem Timing des Handgelenkwinkels.
Neben einer soliden, das heißt vor allem wiederholbaren Schwungtechnik sind für ein erfolgreiches Spiel auch auf Ebene des Breitensports taktische Überlegungen bedeutsam. Wohin spiele ich, um problematische Schläge im Anschluss zu vermeiden? Welche Schläge fallen mir leichter, welche schwerer, wie spiele ich meine Stärken aus? Wie bewege ich meinen Ball über den Platz, sodass er sich auch nach weniger gelungenen Schlägen noch im Spiel befindet? Wie schaffe ich gleichsam Spielraum für meine typischen Fehlschläge oder Schwächen? Belohnt mich ein riskanter Schlag durch die sich aus ihm ergebende Spielsituation genug, um ihn auszuführen? Fließen diese Überlegungen nicht in das Spiel ein, so wird etwas anderes gespielt, aber nicht Golf. Vielleicht das ebenfalls sehr beliebte Den-Ball-möglichst-weit-schlagen-und-abwarten-was-passiert („Hit and hope“).
Diese Aufreihung könnte weiter fortgesetzt und differenziert werden. Faktoren wie Fitness (Kondition und koordinative Fähigkeiten) oder die Fähigkeit zur Psychoregulation und Selbstkontrolle bilden ebenso wesentliche Eckpfeiler erfolgreichen Spiels wie die Verfügbarkeit adäquater Ausrüstung.
Hierzu eine Anmerkung: Die überwiegende Anzahl der Spieler ist biomechanisch fähig, den Schläger im Rahmen ihrer Möglichkeiten korrekt zu bewegen. Probleme entstehen, wenn über die eigenen physischen Verhältnisse hinaus geschwungen wird. Ein Beispiel: Der Spieler möchte kraftvoller schlagen, indem er weiter ausholt, verliert dabei aber seine ursprüngliche Haltung, er wird größer und kleiner im Verlauf der Bewegung. Eine sogenannte Luxusbewegung, da man sie sich auch sparen könnte, und der Schwung würde noch immer funktionieren. Der Spieler opfert damit meist mehr (Wiederholbarkeit) als er gewinnt (Schlagweite). Denn eine gute Runde entsteht bekanntlich nicht durch einige sehr gute Schläge, sondern indem die Anzahl folgenreicher Fehler möglichst klein gehalten wird.
Die Bedeutung und Gewichtung dieser Einflussfaktoren verändern sich dabei mit der Entwicklung des eigenen Spiels. Für Anfänger sind Schwerpunkte anders zu setzen als für Spieler mit jahrelanger Erfahrung. Lernt jemand etwas neu, dann ist es zielführend, eine unmittelbare Rückmeldung über die eigene Handlung zu erhalten. Dies bietet die Möglichkeit, den Lernprozess zu beschleunigen. Im Golfsport ist der Ballflug die erste Quelle für Rückmeldungen. Einen Spieler dazu zu befähigen, aus seinem Ballflug korrekte Rückschlüsse über Eigenschaften des Treffmoments zu ziehen, erhöht dessen Eigenkompetenz im Umgang mit Fehlschlägen immens.
Für den Anfänger hat es sich bewährt, methodisch die Schwerpunkte auf die Themen Schlagfläche vor Ebene vor Timing (SET) zu legen. Erster Entwicklungsschritt zu einem Ballflug ohne Kurve (Schlagfläche), zweiter Schritt zu einem gerade startenden Ball entsprechend der Ausrichtung der Körperachsen (Ebene) und schließlich zu einem zuverlässigem Treffen aus schwierigeren Balllagen (Timing). So ist gewährleistet, dass der Ballflug sich sukzessive verbessert und der Spieler die Kompetenz erhält, dies eigenständig bewusst zu reproduzieren.
Im Fall des Spielers, der schon einige Jahre spielt und bisher vielleicht gar autodidaktisch vorging, fällt die Entscheidung schwerer zu bestimmen, was genau für ein besseres Spiel zu tun ist. Beschließt ein solcher Spieler, durch Unterricht besser werden zu wollen, sollte eine ausführliche Spielanalyse die Stärken und Schwächen auf dem Platz ermitteln. Am sinnvollsten durch Auswertung mehrerer ernsthafter Turnierrunden einschließlich Beobachtung durch den Coach. Häufig artikuliert ein solcher Spieler allerdings auch ohne Analyse, dass es vor allem die langen Schläge sind, an denen er arbeiten und die er verbessern möchte. Er will meist weiter schlagen, mehr Fairways und mehr Greens treffen oder bestimmte sporadisch wiederkehrende Fehlschläge vermeiden.
Erweist sich die Qualität der langen Schläge nach der Spielanalyse tatsächlich als Ursache und Leistungsbarriere, dann sollte dem Spieler Folgendes nicht vorenthalten werden: Wurde ein Bewegungsablauf bereits viele tausend Male ausgeführt, so ist er in der Regel automatisiert – und dies allein birgt ein großes Maß an erzwungener Wiederholbarkeit. Dementsprechend müssen viele Übungsbälle und noch mehr Engagement investiert werden, bis eine vergleichbare Wiederholungsgenauigkeit mit einer angestrebten Veränderung erreicht wird. Diese neue Bewegung sollte man sich dabei mehr als Amalgam des alten und der hinzugekommenen Impulse vorstellen, nicht als vollständig neue oder isolierte Fertigkeit. Die fortgesetzte Auseinandersetzung mit der Bewegung, das heißt, der Rückmeldung und Interpretation des Ballfluges und nachfolgend einer bewussten Beeinflussung der Bewegung steigert dabei die Differenzierungsfähigkeit des Spielers und in der Folge dessen Kompetenz im Umgang mit der motorischen Aufgabe. Ob letztlich hierdurch ein erfolgreicheres Spiel entsteht, ist von sehr vielen weiteren Randbedingungen abhängig.
Golfunterricht, so könnte man abschließend zusammenfassen, und insbesondere Techniktraining sind eine Frage des fortgesetzten Belohnungsaufschubs. Wie viel Fleiß und Training bin ich bereit zu investieren, bevor ich die Früchte meiner Arbeit durch ein möglicherweise besseres Spiel auf höherem Leistungsniveau ernten kann? Da die Folgen (m)eines Trainings keineswegs zwangsläufig eintreten, setzt die Beantwortung dieser Frage ein hohes Maß an Eigenmotivation und Reflexion des Spielers voraus.
Golf ist eben ein sehr facettenreicher Sport, und man kann auf vielfältige Weisen an der Auseinandersetzung mit ihm wachsen. Wer im Zweifel ist, sollte an anderen Bereichen des Spiels arbeiten, welche die Spielanalyse vielleicht ebenfalls nahe legt. Oder man spielt ausschließlich ohne zu trainieren. Der Lehrer kann (immer nur) Türen öffnen. Hindurchgehen, üben und einen Gewinn für sich finden muss der Spieler allein.
- Jahreswechsel 2011/12 Danke für die gemeinsame Saison 2011! Ich wünsche geruhsame Feiertage und einen guten Rutsch ins ne...
- 50 Jahre Amnesty International Die Organisation Amnesty International arbeitet seit nunmehr 50 Jahren weltweit für die Sicherung un...
- Jugendcamp 2011 In der ersten Woche der Sommerferien war es wieder einmal soweit. Keine Schule, Kopf frei! Da spielt...
- Richtiges Schlagen Der Sportsender Sky hat eine neue Videoserie mit Oliver Heuler gestartet. Im ersten Video dieser Ser...
Eine sachliche und fundierte Erläuterung der Unterschiede zwischen bestmöglich individualisierten Schlägern und welchen von der Stange.
Nicht selten verläuft die Anschaffung neuen Materials aber nach ganz anderen Auswahlkriterien sowie auf Basis mehr oder weniger dubioser bisweilen auch hochglänzender Informationsquellen.
Sollten Sie mich während Ihres Unterrichts nach einem geschlagenen Slice jemals von Phil Mickelsons zwei Drivern in Augusta 2006 erzählen hören, verlangen Sie bitte Ihr Geld zurück!
Tatsächlich machen angepasste Schläger Sinn. Umso wichtiger und sinnvoller werden angepasste Schläger, je abweichender Ihre Körperproportionen von der Norm sind.
Für den Autodidakten ist die sehr umfassende Webseite von Dave Tutelman ein wirklicher Geheimtip. Trotz des fragwürdigen und etwas rückständigen Designs. Zur Winterzeit liest man ja gerne auch einmal etwas mehr.
Eine gute Adresse für auf dem Schwungleib zugeschnittene Schläger, die ich aus eigener Erfahrung empfehlen kann: Arndt Wellings Fitting Factory in Essen.
- On the move - Alltag eines Tou... Kurzmeldungen aus dem Profigolf haftet stets etwas Glorifizierendes an. Medial präsent sind nur die...